Jena soll Fahrradstadt werden

bikes-923451_960_720Das Fahrrad ist die Zukunft Jenas, zumindest wenn es nach dem Entwurf der Mobilitätsleitlinie 2030 geht. Innerhalb der nächsten Jahre soll der Anteil der Fahrten mit dem Fahrrad drastisch gesteigert und der Radverkehr, so eines der Ziele der Leitlinie (Punkte 5.1), zur „bevorzugten Alltagsverkehrsart“ werden. Jena wird mehr oder weniger Fahrradstadt und die Jenaer Fahrradfahrer, ob sie das wollen oder nicht.

Im Mobilitätskonzept heißt es dazu:

Für mittlere Distanzen stellt das Fahrrad das ideale Alltagsverkehrsmittel dar. Immerhin betrifft dies in Jena über drei Viertel der täglichen Wege, die zudem heute überwiegend mit dem Auto zurückgelegt werden. Der Radverkehr soll daher auf dieser Distanz zum bevorzugten Alltagsverkehrsmittel entwickelt werden. [1]

Für die Umsetzung ist dabei in den nächsten Jahren eine massive Umerziehung notwendig. Derzeit rangiert das Fahrrad unter den vier wichtigen Verkehrsarten (zu Fuß, per Rad, öffentlicher Nahverkehr und KfZ) nur auf dem letzten Platz. Nur jeder zehnte Weg in Jena wir mit dem Rad zurück gelegt. Selbst auf den mittleren Distanzen (im Bereich von 1 bis 5 Kilometern), für die Räder nach Ansicht der Mobilitätsexperten ideal sind, ändert sich dieses Bild nicht. Der Radverkehr wird auch über diese Distanzen weniger genutzt als alle anderen größeren Verkehrsarten.

Um das Handlungsziel zu erreichen und das Fahrrad zu „bevorzugten Alltagsverkehrsart“ müsste der Radverkehr daher massiv gesteigert werden. Die bisher am wenigsten genutze Verkehrsart müßte die meistgenutzte Verkehrsart werden. Der Anteil der Fahrradfahrer müßte sich dafür etwa verdoppeln bis verdreifachen. Dabei wird es wohl nicht reichen, die Radwege auszubauen, denn derzeit nutzen gerade auf den mittleren Distanzen die Jenaer bevorzugt das Auto, weil es Zeitersparnisse bringt. In der Befragung zum Verkehr in Jena 2014 gaben 61 Prozent der Befragten an, das Auto zu nutzen, weil es Zeit spart. Möchte man die Jenaer zum Radfahren bringen, muss man diesen Vorteil eliminieren. Die Planungen dazu laufen bereits, mit dem Stadttempokonzept sollen die Höchst-Geschwindigkeiten im Stadtgebiet reduziert werden. Der Zeitvorteil von KfZ wäre dann geringer.

Man kann sich durchaus auch streiten, ob das Rad in Jena für mittlere Distanzen wirklich die beste Wahl ist. Immerhin bringt die Kessellage auch steile Anstiege mit sich und eine ältere werdende Bevölkerung dürfte auch gewisse Probleme beim Umstieg auf das Rad mit sich bringen. Bei den externen Ortsteilen ist die Nutzung des Autos besonders ausgeprägt, als Reaktion auf die Unterversorgung mit öffentlichem Nahverkehr. Hier zu fordern, dass Bürger mehr das Rad nutzen, wirkt schon etwas realitätsfern.

Falls das Mobilitätskonzept so beschlossen werden sollte, bedeutet dies in den nächsten Jahren einen deutlichen Eingriff in den Verkehr von Jena zu Gunsten des Radverkehrs mit Einschnitten vor allem im Bereich der KfZ. Die Steigerung des Anteils des Radverkehrs – vor allem wenn dies ohne Nachteile für andere Verkehrsarten geschieht – ist prinzipiell kein schlechtes Ziel. Den Radverkehr aber zu bevorzugten Verkehrsart machen zu wollen, schießt deutlich über das Ziel hinaus.

Eine Antwort zu Jena soll Fahrradstadt werden

  1. Ich bin ja familiär bedingt ab und an mal in Lüneburg. Das ist eine Fahrradstadt, hat nebenbei auch eine Universität und ist mit 75 000 Einwohnern um ein Viertel kleiner als Jena.

    Direkt am Hauptbahnhof gibt es ein Fahrradparkhaus:
    https://www.jenapolis.de/wp-content/uploads/2014/01/Fahrrad-Parkhaus-L%C3%BCneburg-TNetzbandt-Jenapolis-740-400.jpg -> http://www.radspeicher.de/
    Es übrigens nicht das einzige in der 75 000-Einwohner-Stadt: http://www.radhaus-lueneburg.de/ Beide sind gut besucht. Ebenso gibt es Leihstationen für Fahrräder, u.a. am Bahnhof (das Radhaus bietet diesen Service an) und am Marktplatz.

    Am Paradiesbahnhof gibt es lediglich einen stark begrenzten Raum zum Abstellen der Räder, an der Straßenbahnhaltestelle droht die Stadt seit Jahren, abgestellte Räder zu entfernen. Das habe ich einmal hier dargestellt: https://www.jenapolis.de/2014/02/07/wann-kommt-ein-fahrrad-parkhaus/ Und wenn man sein Gepäck ablegen möchte, muss man den Standort wissen (http://www.jenapolis.de/2014/06/02/gepaeckboxen-fuer-radtouristen/).

    In Jena erinnert mich eigentlich immer der Radweg an der Haltestelle Burgau-Park, wie man mit den Radfahrern in der Stadt am liebsten umgehen möchte:

    http://i1.wp.com/www.jenapolis.de/wp-content/uploads/2014/03/Fahrradweg-Burgau-TNetzbandt-Jenapolis-704-400.jpg

    Einzelne Erleichterungen wie am Magdelstieg/Westbahnhofstraße oder auf der Camsdorfer Brücke oder aktuell am Löbdergraben sind eher die Ausnahmen. Wenn man den Radverkehr in Jena befördern will, dann muss auch tatsächlich mehr an der Infrastruktur gemacht werden. Diese halben Radwege nutzen eigentlich keinem.

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