Das Märchen von der familienfreundlichen Stadt

Wahlkampfzeit ist auch immer Sprüche-Zeit und daher ist es immer ratsam auch direkt in die Programme der Kandidaten zu schauen. Beim aktuellen Amtinhaber Albrecht Schröter ist mir direkt im ersten Absatz seiner Ziele etwas aufgefallen:

Die Menschen und ihre Familien geben unserer Stadt ihr Gesicht. Wenn sie sich in Jena wohlfühlen, ist das besser als jede Imagekampagne. Deshalb will ich, dass Jena auch weiterhin eine Spitzenposition unter den familienfreundlichsten Städten in Deutschland einnimmt.

Der Punkt mit der „Spitzenposition unter den familienfreundlichsten Städten“ ist hervorgehoben, leider gibt Herr Schröter keine Quelle dazu an. Wer in Jena mit Kindern wohnt, weiß darüber hinaus, dass es durchaus einige Probleme in der Stadt gibt, die insbesondere Familien betreffen. Das fängt bei bezahlbarem Wohnraum an, der kaum zu finden ist, geht weiter über zu wenige Plätze in den Kindertagesstätten und endet noch lange nicht bei Berufsschulen, die mögllicherweise zusammengelegt werden sollen. In welchem Ranking belegte Jena also einen der Spitzenplätze bei der Familienfreundlichkeit und was war ausschlaggebend für dieses Votum?

Die familienfreundlichsten Städte Deutschlands

Die Google-Suche hilft an der Stelle nicht wirklich weiter. Ein bekannteres Ranking für die Familienfreundlichkeit von Städten scheint es nicht zu geben. Einige kleinere Pressemitteilungen einige Anbieter voten Leipzig oder andere Städte auf die vorderen Plätze, Jena wird dabei nie genannt.

Die seriöseste Studie in diesem Bereich scheint der Familienatlas (Wikipedia) zu sein, eine Untersuchung aus dem Jahr 2005 und 2007, die vom Familienministerium in Auftrag gegeben wurde. Neuere Daten scheinen nicht vorhanden zu sein, die Studie von 2012 ist noch nicht veröffentlicht.

Im Familienatlas 2007 wird Jena zwei Mal erwähnt. Bei zwei einzelnen Skalen (nicht bei der Gesamtwertung) belegt Jena einmal den 3. und einmal den 15.Platz. Der dritte Platz wurde dabei in der Kategorie Vereinbarkeit von Familie und Arbeit vergeben, Platz 2 ging an Gera. Hier zählten in erster Linie das Angebot an Kita-Plätzen und der Betreuungsschlüssel. Platz 15 wurde durch das Freizeitangebot erreicht.

Insgesamt erreichte Jena im Familienatlas jedoch keinen der vorderen Plätze, da insbesondere in den Bereichen Wohnsituation und Wohnumfeld und Bildung und Ausbildung deutliche Defizite gefunden wurden. Jena bekam daher nur eine Bewertung als engagierte Region, die in einigen Handlungsfeldern noch deutlichen Nachholbedarf hat. Im Familienatlas werden engagierte Regionen wie folgt charakterisiert:

… Für engagierte Regionen ist es notwendig, trotz schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen an ihrer Familienfreundlichkeits-Strategie festzuhalten, damit sie in Zukunft von den Erträgen ihres heutigen Engagements profitieren können. …

Das liest sich nicht nach einer Spitzenposition.

Kein Spitzenplatz für Jena

Die „Spitzenposition unter den familienfreundlichsten Städten„, von der Herr Schröter in seinem Wahlkampfprogramm spricht, scheint also gar nicht zu existieren. Das bedeutet für die Familien in Jena, der mögliche neue Oberbürgermeister ruht sich jetzt bereits auf Lorbeeren aus, die es gar nicht gibt.

Ziel müßte es eigentlich sein, die kritisierten Punkte so schnell wie möglich abzustellen um dem eigenen Anspruch einer familienfreundlichen Stadt gerecht zu werden. Die Ankündigung, die aktuelle Position zu verteidigen bedeutet dagegen eher Stillstand und ein Festschreiben der Probleme für die Familien für die nächste Amtsperiode.

Weiterführendes:

5 Antworten zu Das Märchen von der familienfreundlichen Stadt

  1. Familienatlas 2007??? Das ist fünf Jahre her und ganz zu Anfang der Amtszeit Albrecht Schröters. Vielleicht hätten Sie doch auf die neueren Zahlen warten sollen bevor Sie hier eine Bewertung einer Amtsperiode anhand dieser Daten vornehmen. Das ist etwas peinlich. Sorry.

    • Ich bewerte keine Amtszeit sondern stelle die Frage, wie Herr Schröter zur der Aussage mit den Spitzenplätzen kommt. In meinen Augen ist die Aussage falsch und nicht zu belegen, vor allem, das es anscheinend eben keine neuen Daten dazu gibt. Andererseits haben sich wichtige Kritikpunkte wie beispielweise Wohnsituation und Wohnumfeld seit 2007 in Jena nicht verbessert. Wir haben immer noch eine extrem geringe Leerstandsquote und im Vergleich zu hohe Mieten.

  2. Aber andererseits hat Herr Schröter als Amtsinhaber ja sicher einen sehr guten Überblick über die Gesamtsituation. Wenn der 2012er Bericht seine Behauptungen nicht decken kann, dann haben Sie sicher Recht, aber das bleibt abzuwarten und ist im aktuellen Wahlkampf nur bedingt verwendbar. Klar, es ist Ihr gutes Recht nachzufragen, woran Herr Schröter seine Aussagen fest macht.

    • Vielleicht noch als Theorie: Wenn Jena in den letzten Jahren und Monaten irgendwann einen Spitzenplatz in einem bundesweiten Ranking bei der Familienfreundlichkeit belegt hätte, wäre mit Sicherheit eine Pressemeldung der Stadt dazu gekommen. So eine Chance lässt man sich doch nicht entgehen 🙂

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